Traum

Traum. Die neuern Forschungen lehren, daß der T. im wesentlichen nichts andres ist als ein Nest der eingeschlummerten Hirnthätigkeit, daß die Traum-Vorstellung ebenso wie diejenige des wachenden Zustandes durch Sinnenreize hervorgerufen wird, und daß die Natur der Träume durch den jeweiligen körperlichen Zustand des Schlafenden bedingt wird.

Anderseits ist als wesentlichster Unterschied zwischen den im T. sich abspielenden geistigen Vorgängen und denjenigen des wachenden Zustandes hervorzuheben, daß im T. die niedern Geistesthätigkeiten: Vorstellen und Empfinden, zwar noch thätig sind, daß dagegen die höhern Geistesfunttionen: Urteilen und Denken, im T. entweder gänzlich fehlen oder wenigstens erheblich eingeschränkt sind. Auch ist der T. dadurch gekennzeichnet, daß dem Träumenden das lebendige Bewußtsein seiner Persönlichkeit und geistigen Individualität abgeht. Auf dem Fehlen, bez. der Einschränkung des Beurteilungs- und Denkvermögens beruht es, daß wir im T. die Sinneseindrücke nicht in ihrer natürlichen Gestalt, sondern zu verwandten Empfindungen umgesetzt, gewissermaßen allegorisiert, häufig auch zu bedeutendem Umfange vergrößert empfinden. Bestimmten Sinnesempfindungen des Schlafenden entsprechen bestimmte Traumtypen; auch können zu den Traumallegorisierungen alle Sinne beitragen; am häufigsten ist dies jedoch mit dem Gefühlssinn der Fall. Das ungewohnte Hitzegefühl der unter der Bettdecke liegenden Hand wird von dem Träumenden als das Kriechen einer Schlange oder die Berührung einer Katze gedeutet; eine Falte im Bettlaken, ein Strohhalm oder Brotkrumen erzeugt die Vorstellung von spitzigen oder schneidenden Mordinstrumenten; die durch den Druck gepreßter Teile erzeugte Schmerzhaftigkeit wird zu irgend einer schmerzhaften Operation oder zur Verletzung. Der Traumtypus des Fliegens entsteht, wenn wir im festen Schlafe lange Zeit auf derselben Körperfläche liegen, wobei durch Abstumpfung der Empfindlichkeit in den Hautnerven das Druckgefühl und die unbewußte Vorstellung der Unterlage schwindet, so daß man im Freien zu schweben glaubt. Der Traumtypus des Nackt- oder Mangelhaftbekleidetseins wird durch Entblößung eines Körperteils im Schlafe, derjenige des Herunterfallens von einer Höhe durch das Herabgleiten eines Körperteils aus dem Bette hervorgerufen. Überfüllung des Magens, äußerer Druck auf denselben durch den aufgelegten Arm oder durch zu schwere Bettdecken, unzweckmäßige oder ungewohnte Körperlage, Behinderungen des freien Luftzutritts bei entzündlichen Anschwellungen der Schleimhaut, der Luftwege, spielen eine wichtige Rolle als Ursachen von Traumbeängstigungen (Alpdrücken). Andre Traumgebilde werden nicht durch äußere Ursachen, sondern durch innere Reizung hervorgerufen. So werden z.B. durch Kopfschmerz lange und verworrene Traumreihen erzeugt; so glauben Kranke, die an einer Seite gelähmt sind, im T. jemand im Bette neben sich zu haben. Auch durch das Muskelgefühl wird der Inhalt des Traumes wesentlich beeinflußt; wir bewegen den Vorderarm, und sogleich entsteht die Traumvorstellung des Kampfes; wir ziehen das Bein an und glauben eine Treppe hinaufzusteigen. Was die Bewegungen im Schlafe anlangt, so hat Hans Virchow nachgewiesen, daß auch der anscheinend völlig ruhig daliegende Schläfer in der Regel gewisse Muskelbewegungen vornimmt und vermöge derselben seine Lage im Schlafe allmählich verändert. Erregungen des Gehörssinnes, die auf Blutandrang nach der Paukenhöhle oder dem Labyrinth oder auf ähnlichen Ursachen beruhen, geben ebensowohl Veranlassung zur Entstehung von Träumen wie die normale Erregung des Gehörssinnes durch Töne oder Geräusche; auch die entoptischen Bilder, die entweder als einfache Nachklänge normaler Netzhautreizung oder als Wahrnehmungen von im Auge selbst befindlichen Objekten (Blutgefäße u. dgl.) aufzufassen sind, werden häufig zu Traumbildern umgesetzt. Neben den soeben erwähnten Formen von Träumen gibt es noch solche, bei denen dem Gehirn keinerlei Erregung von Seiten der Sinnesorgane übermittelt wird, sondern wo die Traumuorstellung ausschließlich aus dem Vorhandensein von Erinnerungsbildern hervorgeht. In irgend einer Form muß dasjenige, was wir träumen, schon einmal Gegenstand unsers Denkens und Fühlens gewesen sein, oder es muß wenigstens in seinen Anfängen in unserm Bewußtsein geschlummert haben.

Jener oben erwähnte Ausfall der höhern geistigen Funktionen, der den T. kennzeichnet, ist auch charakteristisch für die Hypnose. Ebenso wie bestimmte Körperstellungen oder Bewegungen bei dem Schlafenden bestimmte Träume hervorrufen, ebenso gelingt es durch gewisse Stellungen, die man dem Körper oder einzelnen Körperteilen von hypnotisierten Individuen gibt, die Gedanken derselben in bestimmte Bahnen zu lenken. Bezüglich der Aufeinanderfolge der Bewußtseinszustände im T. haben die Beobachtungen als zweifellos ergeben, daß dieselbe eine außerordentlich schnelle ist, daß Träume, die anscheinend lange Zeiträume umfassen, in Wirklichkeit nur von sekunden-, höchstens minutenlanger Dauer sind.

Meyers Konversations-Lexikon. Eine Encyklopädie des allgemeinen Wissens
4. Auflage, 1885-1892, 16 + 3 Bände, 16.600 Seiten, 200.000 Exemplare

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